Wie Franz Schellhorn versucht Joseph Stiglitz und Naomi Klein mit Venezuela zu diskreditieren

Franz Schellhorn ist Direktor der wirtschaftsliberalen Denkfabrik Agenda Austria. Er war zuvor Journalist bei der Presse und schreibt nun diverse Kommentare für verschiedene Zeitungen und Magazine. Im August 2017 beschäftigte er sich im Profil mit der katastrophalen wirtschaftlichen Lage in Venezuela.

Die Analyse ist nicht sehr tiefgreifend, aber darum soll es gar nicht gehen. Interessanter ist es, dass Schellhorn versucht mit der Wirtschaftskrise in Venezuela die linke Aktivistin Naomi Klein und den Ökonomen Joseph Stiglitz, den er fälschlicherweise als Nobelpreisträger bezeichnet, zu diskreditieren.

Joseph Stiglitz

Schellhorn meint, dass der Ökonom Stiglitz “seine Begeisterung für die Leistungen der sozialistischen Staatsführung bei einem Besuch in Caracas 2007 kaum in Worte fassen” konnte.

Der Caracas-Besuch 2007 wird von einigen Stiglitz-Gegnern gerne thematisiert. So machte Breitbart im Mai 2017 eine ähnliche Auflistung wie Schellhorn und erklärte, dass Stiglitz ein Anhänger von der Wirtschaftspolitik Hugo Chávez war.

Die meisten Medien beziehen sich bei der Behauptung auf einen Artikel des regierungsnahen Portals Venezuelanalysis. Die Formulierungen in Schellhorns Text legen nahe, dass auch er sich auf diesen Artikel bezieht.

Ein neutraler Bericht von der britischen Zeitung “The Guardian” aus dem Jahr 2007 zeigt ein anderes Bild. Primär sah Stiglitz die Gründung der lateinamerikanischen Entwicklungsbank “Banco del Sur” als positiven Schritt. Die Bank war als Gegengewicht zu anderen Entwicklungsbanken gedacht. Neben Venezuela hätten auch Argentinien, Bolivien, Brasilien, Ecuador, Paraguay und Uruguay Teilhaber der Bank werden sollen.

Laut einem Bericht der mexikanischen Zeitung “La Jornada” erklärte Stiglitz, dass das starke Wachstum Venezuelas groß war, aber er warnte vor der Nachhaltigkeit des Wirtschaftswachstums, welches primär auf den Ölboom beruhte. Stiglitz sprach sich auch dafür aus, dass die Öleinnahmen fairer verteilt werden sollen.

Begeisterung, die man nicht in Worte fassen kann, sieht meiner Meinung nach anders aus.

Naomi Klein

Schellhorn erklärte, dass sich Naomi Klein in „The Shock Doctrine“ (2007) sich von Chávez’ „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ tief beeindruckt zeigt. Sie lobte laut Schellhorn die Wirtschaftspolitik der Chávez-Regierung.

Schließlich habe er den Privatisierungswahn gestoppt, viele Betriebe den Arbeitern überantwortet und Genossenschaften hochgezogen. Das Land sei damit vor wirtschaftlichen Schocks gefeit, sozusagen ein Fels in der von neoliberalen Stürmen aufgepeitschten Brandung.

Tatsächlich hat Klein in dem 760-Seiten-Buch Venezuela gerade mal auf 7 Seiten erwähnt. In „The Shock Doctrine“ wird erklärt, dass die neoliberale Politik der 90er dazu geführt hat, dass in mehreren lateinamerikanischen Staaten Politiker gewählt wurden, welche diese Politik ablehnten. Dazu gehörte auch Venezuela mit Hugo Chávez.

Sie lobte nicht die grundsätzliche wirtschaftliche Ausrichtung Venezuelas, sondern den Fortschritt in der Bildung von dezentralen Kooperativen und Genossenschaften. 2006 gab es in Venezuela in diesem Bereich große Fortschritte und Unterstützung durch Hugo Chávez.

Die tatsächliche Unterstützung von Kooperativen und Genossenschaften wurde in vielen Fällen von Regierungsvertreter torpediert. Viele Comuneros sehen sich als Chavisten, aber stehen oft in Opposition zu Regierungsvertretern.

Auf den gleichen Seiten zeigte Naomi Klein auch die Landlosenbewegung Brasiliens (MST) und ähnliche Bewegungen in Argentinien, Ecuador und anderen Ländern in Lateinamerika als Alternative auf.

Den Personenkult um Chávez sowie die staatliche Zentralisierung kritisierte Klein hingegen:

Trotz des übertriebenen Personenkults um Hugo Chávez und dessen Strategie, die Macht auf staatlicher Ebene zu zentralisieren, sind die progressiven Netzwerke Venezuelas gleichzeitig in hohem Maß dezentralisiert.

In einem Interview 2007 im Spiegel erklärte sie:

Ich glaube nicht, dass Venezuela ein vernünftiges Modell ist ein Land mit massiven Ölvorräten kann niemals ein Vorbild für andere sein. Wer auf jeder Menge Öl sitzt, kann leicht Rat austeilen.

Gleichzeitig wies sie auf den Aufbau von Kooperativen und Genossenschaften hin.

Tiefe Beeindruckung sieht meiner Meinung nach anders aus.

Man kann nur hoffen, dass Franz Schellhorn bei Studien von Agenda Austria ordentlicher arbeitet.

Übrigens: Ökonomen, die sich mit Venezuela beschäftigen und Chávez wohlgesonnen waren, warnten schon seit den 2000er-Jahren vor den Fehlentwicklungen in der venezolanischen Wirtschaftspolitik.