Sarrazin, Wallraff und Treitschke

Ich hatte einen merkwürdigen Traum. Günter Wallraff verkündete bei einer Pressekonferenz, dass er in Wahrheit Thilo Sarrazin sei. Er wollte mit dem Buch “Deutschland schafft sich ab” beweisen, dass die Europäer immer noch für wirre Theorien anfällig seien. Den Charakter Sarrazin lehnte er an Heinrich von Treitschke an.

Zwar wirkt der Traum, den ich wirklich hatte (ich schwöre), auf den ersten Blick surreal, aber bei genauerer Betrachtung ist er logischer und verständlicher als die Realität. Eine Mehrheit der Menschen (zumindest in Österreich) sehen im Islam eine Bedrohung. Und noch mehr Leute glauben, dass der Islam mit westlichen Vorstellungen von Demokratie, Freiheit und Toleranz nicht vereinbar ist. Skurril! Denn die wenigsten Religionen sind tolerant oder demokratisch. Zum Beispiel hatte das christlich geprägte Österreich in seiner jüngeren Geschichte so viele weibliche Staatsoberhäupter und Regierungschefs wie Saudi-Arabien, die USA und der Iran gemeinsam! Nämlich keine Einzige! Die islamisch geprägten Länder Pakistan, Indonesien, Türkei und Bangladesch hatten hingegen schon Frauen an der Macht.

Eine groß angelegte Umfrage unter 50.000 Muslime von Gallup hat ergeben, dass lediglich sieben Prozent der Muslime “politisch radikalisiert” sind. Bei den Christen, Juden, Atheisten usw. sieht es wahrscheinlich auch nicht anders aus. Kurz: Der Islam ist genauso gut/böse wie die anderen Religionen.

Zurück zu meinem Traum: Heinrich von Treitschke löste 1879 mit einem umstrittenen Artikel den “Berliner Antisemitismusstreit” aus. Die damalige Debatte zeigt in manchen Aspekten parallelen mit der heutigen Diskussion über den Islam auf.

So sieht Treitschke in seinem Artikel “Unsere Aussichten” in den Juden eine Minderheit, die sich nicht an die deutsche christliche Gesellschaft anpassen will. Er grenzt sich selbst vom “Radau-Antisemitismus” ab, aber zeigt zugleich Verständnis für die antisemtischen Ansichten von manchen Bevölkerungsteilen. Treitschke beschwert sich über die liberale Presse, die einen als “Barbar und Religionsverfolger” brandmarkt wenn man “gerecht und maßvoll” von der “unleugbaren Schwäche des jüdischen Charakters” redet.

Wikipedia kommt zum Schluss, dass Treischke mit diesem Aufsatz den Antisemitismus in das intellektuelle und akademische Bürgertum hinein trug.

Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor, nicht wahr? Wie gesagt der Traum ergibt durchaus Sinn und ist mindestens genauso realistisch wie die irrationale Angst vor dem Islam und die dazugehörigen Verschwörungstheorien!

Hier noch Teile des originalen Aufsatzes von Treischke:

Unter den Symptomen der tiefen Umstimmung, welche durch unser Volk geht, erscheint keines so befremdend wie die leidenschaftliche Bewegung gegen das Judenthum. (…)  Ober die Nationalfehler der Deutschen, der Franzosen und aller anderen Völker durfte Jedermann ungescheut das Härteste sagen; wer sich aber unterstand über irgend eine unleugbare Schwäche des jüdischen Charakters gerecht und maßvoll zu reden, ward sofort fast von der gesammten Presse als Barbar und Religionsverfolger gebrandmarkt.
(…) Die Zahl der Juden in Westeuropa ist so gering, daß sie einen fühlbaren Einfluß auf die nationale Gesittung nicht ausüben können; über unsere Ostgrenze aber dringt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schaar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen; die Einwanderung wächst zusehends, und immer ernster wird die Frage, wie wir dies fremde Volksthum mit dem unseren verschmelzen können. (…)
Was wir von unseren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben, ist einfach: sie sollen Deutsche werden, sich schlicht und recht als Deutsche fühlen – unbeschadet ihres Glaubens und ihrer alten heiligen Erinnerungen, die uns Allen ehrwürdig sind; denn wir wollen nicht, daß auf die Jahrtausende germanischer Gesittung ein Zeitalter deutsch-jüdischer Mischcultur folge. Es wäre sündlich zu vergessen, daß sehr viele Juden (…) deutsche Männer waren im besten Sinne, Männer, in denen wir die edlen und guten Züge deutschen Geistes verehren. Es bleibt aber ebenso unleugbar, daß zahlreiche und mächtige Kreise unseres Judenthums den guten Willen schlechtweg Deutsche zu werden durchaus nicht hegen. Peinlich genug, über diese Dinge zu reden; selbst das versöhnliche Wort wird hier leicht mißverstanden. Ich glaube jedoch, mancher meiner jüdischen Freunde wird mir mit tiefem Bedauern Recht geben, wenn ich behaupte, daß in neuester Zeit ein gefährlicher Geist der Ueberhebung in jüdischen Kreisen erwacht ist, daß die Einwirkung des Judenthums auf unser nationales Leben, die in früheren Tagen manches Gute schuf, sich neuerdings vielfach schädlich zeigt. (…)
Kaum war die Emancipation errungen, so bestand man dreist auf seinem “Schein”; man forderte die buchstäbliche Parität in Allem und jedem und wollte nicht mehr sehen, daß wir Deutschen denn doch ein christliches Volk sind und die Juden nur eine Minderheit unter uns; wir haben erlebt, daß die Beseitigung christlicher Bilder, ja die Einführung der Sabbathfeier in gemischten Schulen verlangt wurde.
Ueberblickt man alle diese Verhältnisse – und wie Vieles ließe sich noch sagen! – so erscheint die laute Agitation des Augenblicks doch nur als eine brutale und gehässige, aber natürliche Reaction des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element, das in unserem Leben einen allzu breiten Raum eingenommen hat. Sie hat zum Mindesten das unfreiwillige Verdienst, den Bann einer stillen Unwahrheit von uns genommen zu haben; es ist schon ein Gewinn, daß ein Uebel, das jeder fühlte und Niemand berühren wollte, jetzt offen besprochen wird. Täuschen wir uns nicht: die Bewegung ist sehr tief und stark; einige Scherze über die Weisheitssprüche christlich-socialer Stump-Redner genügen nicht sie zu bezwingen. Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!
(…) Unsere Gesittung ist Jung; uns fehlt noch in unserem ganzen Sein der nationale Stil, der instinctive Stolz, die durchgebildete Eigenart, darum waren wir so lange wehrlos gegen fremdes Wesen. jedoch wir sind im Begriff uns jene Güter zu erwerben und wir können nur wünschen, daß unsere Juden die Wandlung, die sich im deutschen Leben als eine nothwendige Folge der Entstehung des deutschen Staates vollzieht, rechtzeitig erkennen. Da und dort bestehen jüdische Vereine gegen den Wucher, die im Stillen viel Gutes wirken; sie sind das Werk einsichtiger Israeliten, welche einsahen, daß ihre Stammgenossen sich den Sitten und Gedanken ihrer christlichen Mitbürger annähern müssen. Nach dieser Richtung ist noch viel zu thun. Die harten deutschen Köpfe jüdisch zu machen ist doch unmöglich; so bleibt nur übrig, daß unsere jüdischen Mitbürger sich rückhaltslos entschließen Deutsche zu sein, wie es ihrer Viele zu ihrem und unserem Glück schon längst geworden sind. Die Aufgabe kann niemals ganz gelöst werden. Eine Kluft zwischen abendländischem und semitischem Wesen hat von jeher bestanden, seit Tacitus einst über das odium generis humani klagte; es wird immer Juden geben, die nichts sind als deutsch redende Orientalen; auch eine specifisch jüdische Bildung wird immer blühen, sie hat als kosmopolitische Macht ihr gutes historisches Recht. Aber der Gegensatz läßt sich mildern, wenn die Juden, die so viel von Toleranz reden, wirklich tolerant werden und einige Pietät zeigen gegen den Glauben, die Sitten und Gefühle des deutschen Volks, das alte Unbill längst gesühnt und ihnen die Rechte des Menschen und des Bürgers geschenkt hat. Daß diese Pietät einem Theile unseres kaufmännischen und literarischen Judenthums vollständig fehlt, das ist der letzte Grund der leidenschaftlichen Erbitterung von heute. -
Ein erfreulicher Anblick ist es nicht, dies Toben und Zanken, dies Kochen und Aufbrodeln unfertiger Gedanken im neuen Deutschland. Aber wir sind nun einmal das leidenschaftlichste aller Völker, obgleich wir uns selbst so oft Phlegmatiker schalten; anders als unter krampfhaften Zuckungen haben sich neue Ideen bei uns noch nie durchgesetzt. Gebe Gott, daß wir aus der Gährung und dem Unmuth dieser ruhelosen Jahre eine strengere Auffassung vom Staate und seinen Pflichten, ein gekräftigtes Nationalgefühl davontragen.

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4 Responses to “Sarrazin, Wallraff und Treitschke”

  1. Sepp Aigner Oktober 7, 2010 at 19:51 #

    Sehr guter Beitrag. Ich möchte ihn auf meinem Blog verlinken. Okay ?

  2. Übel Oktober 7, 2010 at 19:56 #

    Ja, klar! Ich freu mich über eine Verlinkung!

  3. Herr B Oktober 8, 2010 at 16:17 #

    Wow, hab richtig was gelernt! Gratuliere!

  4. Anton Oktober 9, 2010 at 02:49 #

    Vielen Dank, sehr interessant!!

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