Die unregelmäßige Kolumne (IV): Unnötige Listen

Liebe Leser,

jährlich veröffentlicht “Reporter ohne Grenzen” eine sogenannte “Rangliste der Pressefreiheit“. Am ersten Blick wirkt die Liste schlüssig. Auf Platz 1 ist Finnland und auf dem letzten Platz Eritrea. Bei genauerer Betrachtung merkt man aber, dass die Liste schwachsinnig ist. Obwohl ich sehr auf Listen stehe ist es so, dass viele Dinge nicht in Listen dargestellt werden können. Pressefreiheit ist ein schwammiger Begriff und die Einschätzung beruht auf subjektive Einschätzungen. Die Liste soll jedoch Subjektivität vorgaukeln.

Eines der von RoG bewerteten Kategorien lautet “Unabhängigkeit der Medien”. In Österreich ist es zum Beispiel so, dass fast alle großen Presseerzeugnisse staatliche Zuschüsse bekommen. Gleichzeitig sind die Medien im Besitz von nur wenigen Unternehmen, deren Hauptgeschäftsfeld oft ein anderes ist. Da kommen wir schon zum nächsten Punkt “Pluralismus”. Die meisten Nachrichten, die in Österreich veröffentlicht werden bzw. deren Grundlage bilden, stammen von der APA (Austria Presse Agentur). Diese Nachrichtenagentur ist wiederum im Besitz von allen größeren Medien Österreichs. Dennoch erreicht Österreich den Platz 12 in der Rangliste.

Ein weiteres Beispiel ist Katar. Katar ist eine Diktatur, die im Land keine andere Meinung zu lässt. Dennoch erreicht das Land mit dem Platz 110 eine bessere Platzierung als Länder mit einer demokratisch gewählten Regierung (z.B. Venezuela, Ecuador…). Man kann Katar positiv anrechnen, dass der Emir “Al Jazeera” gegründet hat, aber in letzter Zeit werden immer wieder Stimmen laut, die behaupten, dass Al Jazeera immer mehr zum außenpolitischen Vehikel von Katar verkommt. In Venezuela sowie Ecuador ist (fast wie überall in Lateinamerika) der Großteil der Medien in der Hand von privaten Unternehmen, die der Regierung gegenüber kritisch eingestellt sind.

Eine große Unbekannte bei dieser “Rangliste der Pressefreiheit” sind die befragten Spezialisten. Politisch gesehen ist Venezuela ein gespaltenes Land. Während um die 60 Prozent der Bevölkerung die Regierung unterstützt, sind 40% der Menschen Gegner der derzeitigen Führung. Die dominierenden privaten Medien gehören den 40% an. Ich vermute, dass der “Reporter ohne Grenzen”-Fragebogen ausschließlich an diese sogenannten “unabhängigen Medien” gehen. Journalisten aus  Basisbewegungen oder regierungsfreundliche Medien werden wahrscheinlich nicht befragt. Somit entsteht ein einseitiges Bild und das Land rutscht beim Ranking ab.

Kurz: Solche Listen sind unbrauchbar und spiegeln nur die Meinung einer kleinen Gruppe wider, die man gar nicht kennt. Ein weiteres Beispiel wäre der Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International!

Vielen Dank fürs Lesen!

 

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