Momente des Helfens
Von Trost
Es war wohl um die Jahrhundertwende, da ging es mir nicht besonders gut. Es war vielleicht der Tiefpunkt meines Lebens. Ich hatte nichts, kein Geld, keine Frau, keine Wohnung und keinen Mann. Vom Hund gar nicht zu sprechen und auch die Katze im Sack war fort, sie hatte sogar den Sack mitgenommen. Einfach nichts, gar nichts, nicht einmal Haare. Ich lebte zurückgezogen in einem Männerwohnheim in der Meldemannstrasse und sah in meiner Existenz keinen Sinn mehr.
In dieser Krise traf ich dann einen Mann den alle Ali oder Adi nannten. Ein unbegabter junger Postkartenmaler der mir begeistert von seinem gerade gelesenen Buch “die Macht der Massen” erzählte. Ich begann seinen Schnurrbart zu kämmen. Zuerst ganz leicht dann immer stärker bis der Schnurrbart an den Seiten abfiel. Sein Problem war klar, er war zu gut für diese böse, kalte Welt. Er war wie ein Sohn, für den alten Herrn in der Ecke hinter mir. Und auch ich war wie ein Sohn für diese alte senile Sau. Der verwirrte alte Mann, der ein schwebendes Dreieck mit einem Auge in der Mitte über seiner Stirn trug, nannte alle Söhne. Dann spritzte man ihn nieder, und das mit Recht, denn er wollte den kleinen Adi einreden Krankenpfleger zu werden. Er hatte ihn schon so weit, dass er die Pflegeschule besuchte, und es machte ihn sogar Spaß, doch ich brachte diesen angeschwulten Zukunftskrankenpfleger wieder auf den richtigen männlichen Weg. Er solle selbstbewusster sein, sich Ziele setzen, und seine Zukunft in Form eines Tagebuches visualisieren, redete ich ihm zu.
Der schwule Krankenpfleger (Ali oder so) und ich hatten keine reelle Chance aus diesem Rattenloch entfliehen zu können. Das Loch hatte nämlich nur einen Durchmesser von 8 cm und diesem winzig kleinen Ausgang steckte schon seit Jahren das Skelett einer toten Ratte. Zum Glück war in diesem Männerwohnheim auch eine Türe, die mich in die Freiheit führen konnte!
Es war ein trauriger Abschied. Der senile Sack weinte und sprach von mir als sei ich sein verlorener Sohn. Und auch Ali winkte mir mit der rechten Hand zum Abschied. Was wohl aus ihm geworden ist? Vielleicht hat er den letzten Ratschlag von mir “er solle nicht immer an die anderen denken” ernst genommen und ist Tischler geworden.
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